Impfung ja, aber...

Neue Ärztepräsidentin: Im BAG fehlt es an ärztlicher Expertise

10. Januar 2021, 09:29 Uhr
Die neue Präsidentin der Ärztevereinigung FMH, Yvonne Gilli, fordert einen stärkeren Einbezug der fachärztlichen Expertise in die Debatte um die Bekämpfung der Lungenkrankheit Covit-19. (Archivbild)
© KEYSTONE/REGINA KÜHNE
In der Führung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) fehlt es nach Ansicht der neuen Präsidentin der Ärztevereinigung FMH, Yvonne Gilli, an ärztlicher Expertise. Eine Pandemie lasse sich aber nicht bekämpfen, ohne die Kernberufe an der Front einzubeziehen.

Dabei gehe es nicht darum, Ärzte als externe Berater zu engagieren, sondern als Personen, die innerhalb der Strukturen verankert seien, sagte Gilli in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». Zwar gebe es im BAG einzelne Ärztinnen und Ärzte in den Stabsstellen.

In der strategischen Führung des BAG fehle aber diese Berufsgruppe. «Ich glaube, das gibt es in keinem anderen europäischen Land. Für mich ist das eine der Ursachen für die aktuellen Probleme», sagte Gilli, die ihr neues Amt im kommenden Februar antritt.

Impfung ja, aber ohne Zwang

Der Austausch zwischen der ärztlichen Fachexpertise und den Entscheidungsträger klappe zu wenig gut. Das sehe man etwa daran, dass der Bundesrat die Empfehlungen der wissenschaftlichen Taskforce oft ignoriere. Dies war auch einer der Gründe, warum der Epidemiologe der Universität Bern Christian Althaus diese Woche seinen Rücktritt aus der Taskforce bekannt gab (PilatusToday berichtete).

Gilli äusserte sich auch zur laufenden Impf-Kampagne. Sie unterstütze die Impfungen voll und ganz. Sie sei aber gegen einen Impfzwang. «Das ist der entscheidende Unterschied: Ich bin nicht gegen das Impfen, sondern gegen ein Obligatorium, auch jetzt», sagte sie gegenüber der Wochenzeitung. Das gelte auch für die Pflegefachpersonen. Es gehe nicht an, diese Berufsgruppe wegen der Impfungen unter Druck zu setzen. «Ich finde es in höchstem Masse stossend, wie nun ausgerechnet dem Pflegepersonal Vorwürfe gemacht werden, das seit Monaten bis zur Grenze der Belastbarkeit arbeitet.» Aktuell wisse man noch nicht, ob geimpfte Personen tatsächlich auch andere Leute schützen oder ob sie weiterhin ansteckend bleiben. Falls sich dieses Wissen in den nächsten Wochen ändern sollte, könnte sich die Situation wieder ändern.

Impfungen seien eine Vertrauenssache. Ein Obligatorium halte sie deshalb für kontraproduktiv. Diese Linie entspreche auch der offiziellen Haltung von Bund und Wissenschaft zu den Covid-19-Impfungen. Im Übrigen sei sie sehr froh, dass es heute Impfstoffe geben, die die erwartete Wirkung entfalteten. Die Pandemie sei unvergleichbar mit allem, was sie in ihrer langen Laufbahn erlebt habe.

Yvonne Gilli wurde 2007 für die St. Galler Grünen in den Nationalrat gewählt. Dort bekämpfte sie unter anderem 2013 das Epidemiengesetz, das die Möglichkeit eines Impfobligatoriums enthielt.

© Keystone / Gian Ehrenzeller

Quelle: PilatusToday / sda
veröffentlicht: 10. Januar 2021 06:46
aktualisiert: 10. Januar 2021 09:29