Personalmangel

Schweizer Altersheime stellen Bewohnende mit Medikamenten ruhig

13. Mai 2022, 09:10 Uhr
In Schweizer Altersheimen wird den Bewohnenden vermehrt ein Mittel gegen Schizophrenie oder bipolare Störungen verabreicht. Dies auch bei Seniorinnen und Senioren, die nicht unter einer psychotischen Erkrankung leiden.
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Ein Medikament gegen Schizophrenie oder bipolare Störungen wird in Schweizer Pflegeheimen verabreicht – auch bei Seniorinnen und Senioren, die nicht unter einer psychotischen Erkrankung leiden. Dies schreibt der «Tages-Anzeiger». Die Wirkung des Medikaments: Es führe zu Antriebslosigkeit und Lethargie. Damit liessen sich Betagte ohne grossen Aufwand ruhigstellen, die verwirrt oder aggressiv sind, beispielsweise wegen einer Demenz.

Abgabe um 30 Prozent zugelegt

Beim Medikament handelt es sich um Quetiapin, das in der Schweiz immer beliebter wird. Laut einem Arzneimittelreport der Helsana habe die Abgabe in den letzten vier Jahren um 30 Prozent zugenommen. Zudem beliefen sich die Kosten im Jahr 2020 auf rund 50 Millionen Franken, somit liege das Medikament unter den 20 kostenintensivsten Wirkstoffen.

Eine noch unveröffentlichte Studie zu Behandlungsdaten von über 600 Altersheimen in der Schweiz zeigt: Fast die Hälfte der Bewohnenden über 65 Jahren erhalten pro Woche neun oder mehr verschiedene Arzneimittel. Ein Experten sprechen schon ab fünf Medikamenten von einer Polypharmazie, bei der es zu unerwünschten Wechselwirkungen kommen kann. «Ein Drittel der Pflegeheimbewohner erhält Medikamente, die gefährlich sind und das Wohlbefinden ganz massiv beinträchtigen», sagt Albert Wettstein, Co-Autor der Studie gegenüber Pilatustoday und Tele 1. Der Grund dafür liegt laut Wettstein bei der Abrechnung mit der Krankenkasse. «Wenn jemand etwas schwierig und aufwendig ist, sollte man diese Person mit betreuerischen Massnahmen abholen. Aber das ist zeitaufwendig und kostet Geld.»

Fussmassage und Baldriantee

Eine Pflegefachfrau sagt gegenüber dem «Tages-Anzeiger», man könnte aufgebrachten Seniorinnen und Senioren mit einer Fussmassage oder einem Baldriantee helfen, dafür fehle aber oft die Zeit. Das Medikament sei schneller aus dem Schrank geholt. Kommt hinzu: Die Verabreichung von Medikamenten wird über die Krankenkasse abgerechnet, die Betreuung zahlt der Patient selbst, so Wettstein.

Grund für Berufsausstieg

Die Situation sei auch für die Pflegenden unbefriedigend, sagt Melanie Setz, Präsidentin der VPOD Zentralschweiz. Dieser Gewerkschaft sind auch die Pflegenden angeschlossen. «Es ist sehr belastend zu merken, dass man keine Zeit hat, sich um die Bewohner zu kümmern. Dass man seinen Beruf nicht richtig ausüben kann, sondern ihnen etwas verabreichen muss, damit sie mir nicht so viel Aufwand machen.» Gerade wegen solchen Gründen komme es immer wieder zu Berufsausstiegen. 

Laut Albert Wettstein gibt es Alternativen zu den sedierenden Medikamenten, wie etwa, mit den Bewohnern zu spielen, singen oder spazieren. Doch dafür müsste man sich Zeit nehmen. Zeit, die die Krankenkasse nicht bezahlt.

(log/mao)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 12. Mai 2022 09:34
aktualisiert: 13. Mai 2022 09:10
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