Fussball

Wann kommt ihr in die Moderne, liebe Schiedsrichter?

Philipp Breit, 2. September 2022, 14:09 Uhr
Früher hätte er seine Zunge verlieren können. Oder man hätte ihn gerädert, enthauptet oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zum Glück für Mohamed Dräger schreiben wir das 21. Jahrhundert. Doch die Schiedsrichter und deren Obrigkeiten verhalten sich heute noch wie im Mittelalter. Ein Kommentar unseres Sportchefs Philipp Breit zur Dräger-Strafe.
Schiedsrichter Alain Bieri steht im Mittelpunkt beim Spiel FCL gegen Sion.
© KEYSTONE/Michael Buholzer
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Für Ketzerei, Verleumdung oder Majestätsbeleidigung (Beleidigung der Obrigkeit) haben im Mittelalter genau solch drakonische Strafen gewartet. Mohamed Dräger hat seinem Frust und Ärger nach dem Sion-Spiel in Interviews Luft gemacht. Der Schiedsrichter habe das Spiel zu einem Zirkus gemacht, so der FCL-Verteidiger. Die Spieler müssen sich Kritik anhören und so soll es auch den Schiedsrichtern ergehen. «Er war heute nicht gut», so das Fazit von Dräger.

Hatte Dräger Recht? Ziemlich sicher sogar. Hat Alain Bieri das Spiel zu einem Zirkus gemacht? Absolut. Hat er aber alles falsch entschieden? Nein, auf keinen Fall! «Mo» Dräger wird im Nachgang zum Sion-Spiel wegen seines Interviews zu einer Geldstrafe von 2000 Franken verdonnert. Ein Witz! Eine Strafe wofür? Dräger hat niemanden beleidigt, beschimpft, obszön behandelt oder gar eine homophobe Aussage gemacht. Dräger hat schlichtweg das ausgesprochen, was die über 10'000 Zuschauerinnen und Zuschauer an diesem Abend im Stadion gesehen haben. Und wie reagiert das Schiedsrichterwesen? Wie im Mittelalter: Dräger legt sich mit der Obrigkeit an und somit wird er gebüsst.

Respekt und Anstand verdient man sich

Die Schiedsrichter verlangen mehr Respekt und Anstand. Von den Spielern und der Öffentlichkeit. Sollen sie haben. Aber Respekt und Anstand muss man sich verdienen. Und da gehört es dazu, dass man auch mal hinsteht und sich erklärt. Passiert in der Schweiz nicht. Schiedsrichter geben niemals öffentlich ein Interview.

In Deutschland ist es gang und gäbe, dass sich Schiedsrichter nach Partien oder gar in Talk-Runden erklären. Und zwar oftmals so gut, dass man sie versteht. Und der Ärger verfliegt. In der Schweiz aber verstecken sich Schiri-Chef Daniel Wermelinger und die Schiedsrichter hinter irgendwelchen Kommunikationsabteilungen und lassen beschönigte und selten selbstkritische Aussagen verlauten. So holt man sich keinen Respekt und schon gar kein Verständnis.

Heiliger als die Schiedsrichter ist nur noch einer: Der VAR!

Beim Spiel FCL gegen Sion wurde Martin Frydek beispielsweise absolut zu Recht die zweite gelbe Karte gezeigt. Offene Sohle = Karte. Passt, richtig entschieden Alain Bieri. Die erste Gelbe für Frydek, ja die war ein Witz. Und was war da bloss mit «Mo» Dräger los? Warum zum Teufel sah er gelb-rot? Alain Bieri hätte nach dem Spiel hinstehen können und erklären: «Wenn ein Spieler oder Betreuer auf den Schiedsrichter zu rennt, so ist dies mit einer Verwarnung zu ahnden». Steht so oder so ähnlich seit dieser Saison im Regelbuch. Bieri hatte also die Wahl, entweder schickt er Dräger oder Marius Müller (kam ebenfalls angerannt) vom Feld. Was wäre wohl los gewesen, Bieri hätte sich für Müller entschieden?

Und dann war da ja auch noch die rote Karte gegen Pascal Schürpf. Warum steht Bieri nach dem Spiel nicht hin und äussert seinen Unmut über den VAR? Denn nur weil der VAR eingriff, musste Bieri Schürpf die Rote Karte zeigen. Ihm blieb nichts anderes übrig. Warum der VAR jedoch überhaupt eingriff, da es sich meiner Meinung nach keinesfalls um eine klare Fehlentscheidung, geschweige denn eine Tätlichkeit, handelt, bleibt ein Geheimnis. Bieris Ärger über den VAR wäre verständlich. Doch das weiss man nicht. Er steht ja nicht für Interviews zur Verfügung. Vielleicht aber auch besser so, sonst wäre wohl auch Alain Bieri selbst noch gebüsst worden. Denn über den «heiligen» Schiedsrichtern thront im Schweizer Fussball nur noch einer: Der VAR! Der ist in seinem «Keller» noch unsichtbarer als ein Schiedsrichter auf dem Feld. Trifft aber mit unter die wichtigsten Entscheidungen.

Dräger zeigt Alain Bieri verbal die gelbe Karte

Hätte der VAR an jenem Abend seinen Job richtig gemacht, hätte er aber auch den Stinkfinger von Giovanni Sio in Richtung der FCL-Fans sehen müssen. Oder dessen Tätlichkeit bei der Rudelbildung. Vielleicht gäbe es auch hier eine Erklärung, warum dies nicht gesehen oder geahndet wurde. Aber eben, wir wissen es nicht, weil es uns niemand erklärt.

Fühlt sich ein Schiedsrichter auf dem Feld von einem Spieler angegriffen, angegangen oder unfair behandelt, so zeigt er dem Spieler eine Karte. Hat Alain Bieri bei «Mo» Dräger gemacht. Muss Dräger so hinnehmen. Nach dem Spiel hat dann Dräger Alain Bieri ebenfalls verbal die gelbe Karte gezeigt. Müsste auch Alain Bieri so hinnehmen. Tut er persönlich vielleicht auch. Aber seine Chefs nicht und büssen Dräger mit einer Geldstrafe von 2'000 Franken. Zum Glück sind wir mittlerweile im 21. Jahrhundert und es gibt für Dräger eine Geldstrafe und eben keine Verstümmelung, Enthauptung oder Verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Wäre schön, wenn sich auch das Schiedsrichterwesen in die modernen Zeiten begeben würde.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 2. September 2022 07:16
aktualisiert: 2. September 2022 14:09