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European Super League

Wenn Fanliebe und Nostalgie für Geld geopfert werden

Philipp Breit, 19. April 2021, 22:04 Uhr
Ungläubig, wütend, verärgert, fassungslos. Meine Gefühlswelt, wenn ich an den heutigen rabenschwarzen Tag für den Fussball denke. Die Entscheidung einiger europäischen Top-Clubs eine eigene Super League zu gründen, löst in mir unweigerlich Brechreiz aus. Fussball, was geschieht nur mit dir?
Zwölf europäische Spitzenklubs haben am Montag offiziell den Start einer neuen «Super League» verkündet.
© KEYSTONE/AP/Martin Meissner

Dass sich das Fussball-Geschäft weg von seinem Ursprung hin zu einem kommerziellen Irrsinn entwickelt ist leider nicht neu. Doch bis jetzt lebte irgendwo in mir noch der Glaube daran, dass es noch Rettung gibt. Dass irgendwann eine Abzweigung auf diesem Weg aufgeht. Dass die Fussball-Bosse sich eingestehen, dass sie auf dem Holzweg sind und zur Besinnung kommen. Sie müssen nicht gleich Umdrehen, aber ein oder zwei Gänge zurückschalten. Doch damit ist endgültig Schluss. Die Bosse einiger Clubs haben in ihrem Navi das Ziel europäische «Super League» eingegeben. Und jetzt rasen sie mit 200 km/h auf den Abgrund zu.

Sollen sie doch, ist mir eigentlich scheiss egal! – Bin ich versucht zu sagen. Denn was Clubs wie Real Madrid, Barcelona, Manchester United, Juventus oder Liverpool vorhaben, mit diesem Ziel sei ihnen der Untergang zu gönnen. Wie können diese Clubs bloss die abstrakte, irrsinnige oder auch irrwitzige Vorstellung haben, dass diese «Super League» tatsächlich das ist, was die Fans wollen? Stimmt, darum geht es ihnen auch gar nicht. Es ist ihnen egal, was die Fans wollen.

Stellen wir uns vor: Ein Chirurg operiert am offenen Herzen und weiss genau, wenn ich jetzt diese Ader abklemme, dann stirbt der Patient. Die Fussball-Bosse spielen gerade «dökterlis». Sie wissen, dass sie die Ader, durch die Fanliebe und Fussballnostalgie fliesst, abklemmen. Aber sie hoffen, dass die andere Ader, durch die Dollars und Euros fliessen, den Patienten am Leben hält.

3,5 Milliarden Euro sollen durch die Adern gepumpt werden in die 15 Clubs, die bei dieser Super League mitmachen. Damit lässt es sich gut leben. Kurzfristig. Was die Herren Fussball-Bosse vergessen: Klemmt man die Ader mit Fanliebe und Nostalgie ab, sterben die lebenswichtigen Organe des Fussballs ab. Sind diese einmal tot, lassen sie sich nicht transplantieren.

Es mag abstrakt klingen. Doch ich hoffe, dass diesen Clubs genau diese «Organe» absterben. Wenn Clubs ihre Wurzeln verlieren. Wenn Spiele wie Liverpool gegen Everton, Real gegen Atlético, Barca gegen Espanyol oder die Roma gegen Juve auf einmal keine Bedeutung mehr haben, was soll das Ganze noch?

Wenn Clubs tatsächlich in diesen Bus mit Endstation «Super League» steigen wollen, dann lasst sie dieses Ticket lösen. Aber bitte, lasst sie nicht wieder aussteigen. Wenn sich die Clubs einmal von ihren Ligen losgesagt haben, dann lasst sie ziehen. Schliesst die Türen hinter ihnen und verriegelt sie. Schaut, dass sie nicht einen klitzekleinen Spalt aufgeht. Die freigewordenen Plätze in den Ligen werden freudig übernommen von Clubs, die sich ihrer Herkunft und Tradition noch bewusst sind.

PS: Die heute ebenfalls kommunizierte Reform der UEFA für die Champions League ist auch nicht wirklich löblich. Da kann man sich ebenso gut zwischen Pest oder Cholera entscheiden.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 19. April 2021 21:13
aktualisiert: 19. April 2021 22:04