Nationalteam

Xherdan Shaqiri und die grosse Zufriedenheit

24. März 2022, 19:34 Uhr
Im Herbst führte Xherdan Shaqiri die Schweiz an die WM-Endrunde in Katar. Im Winter folgte der Wechsel zu Chicago Fire. Nun ist er zurück beim Nationalteam - und wirkt so zufrieden wie kaum je zuvor.
Mitten im Saharastaub, aber ruhig, gelassen und zufrieden: Xherdan Shaqiri in Marbella
© KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS

Das Licht draussen vor der Strandbar des Luxus-Hotels Gran Melia Don Pepe ist rot-orange gefärbt. Der Saharastaub hat in Marbella alles in romantische Farben gehüllt. Das wunderbare Naturspektakel passt zur Gemütslage von Xherdan Shaqiri. Er sitzt drinnen auf dem Sofa und plaudert mit den Medien. Er sagt: «Ich fühle mich sehr wohl.»

Shaqiri ist so gut gelaunt, dass er schon bald einen Spruch platziert, über den er selbst am lautesten lacht. «In meinem Vertrag steht, dass ich immer 90 Minuten spielen muss.» Es ist seine Reaktion auf die Frage, ob er wisse, wann er letztmals vier Spiele am Stück über die volle Distanz absolviert habe wie zuletzt mit seinem neuen Verein Chicago Fire.

Chicago und Shaqiri. Das scheint auf Anhieb zu passen, auch wenn der 30-jährige Offensivspieler von einem «gewagten Schritt» spricht, den er vor knapp zwei Monaten mit dem Wechsel von Olympique Lyon zu Chicago Fire getan hat. Gewagt deshalb, weil Shaqiri in Nordamerika in einer völlig neuen Welt gelandet ist, gerade beruflich. «In Europa ist es überall ein wenig das Gleiche. Du kennst in jeder Liga die Spieler, du weisst, was auf dich zukommt. Deshalb war ich bei diesem Wechsel aufgeregter als bei früheren.»

Umso bemerkenswerter ist die Startbilanz von Shaqiri in der Major League Soccer: acht Punkte aus vier Spielen, nie verloren, zuletzt zwei Siege und ein Tor von ihm. Und er sagt: «Hätten die Kollegen alle Chancen verwertet, die ich vorbereitet habe, wären es ein paar Skorerpunkte mehr.» Da sind sie schon wieder: Der Spruch, das Lachen, der Schalk in den Augen.

Vorbild für die Teamkollegen

Bei Chicago Fire spürt Shaqiri die ungeteilte Wertschätzung. Die Führung hat ihn zum Posterboy ernannt, den Vorzeigespieler, dank dem der Klub mehr Aufmerksamkeit erhalten soll im Verdrängungskampf gegen die ungleich grösseren Vereine aus den populäreren Sportarten Eishockey, Basketball, Baseball und Football. Und im Team ist Shaqiri der erfahrene und hoch dekorierte Star aus Europa, dem die jungen Mitspieler Tipps abjagen. «Die jungen Amerikaner sind extrem neugierig. Sie wollen viel lernen», sagt Shaqiri.

Beim Schweizer Nationalteam findet Shaqiri eine nicht einmal so ganz andere Rolle vor. Irgendwie ist er ein Lausbub geblieben, aber mit 100 Länderspielen, einer zwölfjährigen Karriere in der SFV-Auswahl und mit 30 Jahren ist er durchaus auch der Methusalem des aktuellen Kaders. Keiner hat mehr Tore erzielt, keiner hat mehr Spiele gemacht, und nur Mario Gavranovic und Fabian Frei sind mit ihren 31 beziehungsweise 32 Jahren älter als Shaqiri.

Apropos 100 Länderspiele. Falls Shaqiri nicht verletzt oder gesperrt ist, und sofern die Schweiz an der WM die Vorrunde übersteht, überholt er Alain Geiger (112 Länderspiele) und wird noch in diesem Jahr die Nummer 2 hinter Heinz Hermann (118 Länderspiele). Und irgendwann 2023 wird er Rekordnationalspieler. Bei diesem Gedanken schüttelt Shaqiri den Kopf. «So etwas hat für mich keine Priorität. Ich will später nicht als Rekordnationalspieler gesehen werden, sondern als ein Spieler, welcher der Nati und den Fans schöne und spezielle Momente beschert hat.»

Vor zwei speziellen Spielen

Auf dem Sofa im Café «Cappuccino» am Strand von Marbella denkt Shaqiri ohnehin noch nicht an das 112. oder 118. Länderspiel. Zuerst geht es in London gegen England und in Zürich gegen den Kosovo um die Spiele 101 und 102. Das sind gerade für ihn zwei spezielle Affichen. Gegen England hat er vor bald zwölf Jahren sein erstes Länderspieltor erzielt und im Wembley hat er mit Bayern München 2013 erstmals die Champions League gewonnen.

Und der Kosovo? Da sind seine Wurzeln, da ist seine Familie zuhause. Als Shaqiri auf das Spiel vom nächsten Dienstag zu sprechen kommt, wird er fast schon staatsmännisch. «Es ist ein Freundschaftsspiel. Und das passt zu dieser Partie perfekt, denn die Schweiz und den Kosovo verbindet eine grosse Freundschaft. Es wird ein Spiel der Freundschaft.»

Während sich draussen der Saharastaub auf Sand und Palmen legt, erinnert man sich an den Anfang des Gesprächs. «Ich fühle mich wohl und ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal so gut im Rhythmus war wie jetzt», hat Shaqiri da gesagt. Und man denkt vor allem dies: Man weiss nicht, ob dieser Shaqiri jemals mehr geerdet war als jetzt.

Quelle: sda
veröffentlicht: 24. März 2022 19:34
aktualisiert: 24. März 2022 19:34
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