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Mountainbike

Nino Schurters Konkurrenz scharrt mit den Hufen

7. Mai 2021, 05:04 Uhr
Nino Schurter schielt auf seine zweite Olympia-Goldmedaille und die Weltcup-Rekordmarke von 33 Siegen
© KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER
Mit dem Weltcup-Auftakt in Albstadt lancieren die Cross-Country-Spezialisten am Wochenende den Olympia-Sommer. Nino Schurter peilt zwei Weltcupsiege und Gold in Tokio an. Doch die Hierarchien wanken.

Anfang Woche luden die Schweizer Mountainbiker in Landquart zu einem grossen Medientreffen. Nino Schurter erfuhr schon einmal, dass er sich auf seiner Rekordjagd auf Widerstand auch aus dem Lager von Swiss Cycling einstellen muss. Zehn Tage vor seinem 35. Geburtstag traf Schurter auf einen Mathias Flückiger im Angriffsmodus. «Nach den letzten Rennen sehe ich mich eher als Nummer 1 in der Schweiz», sagte der 32-jährige Berner selbstbewusst. Und: «Für Olympia-Silber oder -Bronze würde ich nicht unterschreiben. Ich habe ja alle schon einmal geschlagen.»

Das Beispiel Flückiger zeigt, dass Schurters Konkurrenz nach Jahren der ertragenen Dominanz mit den Hufen scharrt. Auch weil der Seriensieger im letzten Herbst nach der Verschiebung der Olympischen Spiele geschwächelt hat, wittern die Gegner ihre Chance und die Beobachter der Szene einen Machtwechsel.

Van der Poel und Pidcock mischen die Szene auf

Zum ersten Mal seit langem steigt Schurter nicht als Topfavorit in eine Saison. In diese Rolle schlüpft Mathieu van der Poel. Der Niederländer, der mit seinen unnachahmlichen Antritten, der Vielseitigkeit und dem scheinbar unerschöpflichen Energiespeicher auch Schurter schwer beeindruckt, hat seinen Fokus im Olympia-Jahr wieder auf das Mountainbike verschoben. Der 26-Jährige hat Olympia-Gold im Cross-Country im Visier und Starts an drei der vier Weltcuprennen bis zu den Sommerspielen angekündigt.

Auch der junge Brite Tom Pidcock, im Vorjahr Zweiter an der Quer-WM in Dübendorf hinter Van der Poel und überlegener U23-Weltmeister im Cross-Country, mischt die Szene auf. Zuletzt deklassierte der 21-Jährige am Swiss Bike Cup in Leukerbad die durchaus namhafte Konkurrenz um mehr als drei Minuten. Im Gegensatz zu Van der Poel muss sich der Emporkömmling aus Leeds aber noch hocharbeiten. Wegen fehlender Wertungspunkte muss er am Wochenende in Albstadt das Feld von ausserhalb der Top 90 aufrollen. Im Short Race ist er noch nicht startberechtigt.

Flückiger, Van der Poel, Pidcock und Co. machen Schurter die Rekordjagd gewiss nicht leicht. Dabei will der Bündner zwei Meilensteine unbedingt noch erreichen: Mit den Weltcupsiegen 33 und 34 möchte er den Rekordhalter Julien Absalon in dieser Saison ein- und überholen sowie mit dem zweiten Olympia-Sieg nach 2016 mit dem Franzosen gleichziehen. «Klar, irgendwann lässt jeder nach. Aber ich will beweisen, dass ich immer noch auf meinem höchsten Level bin», sagt Schurter. Zuversicht schöpft der Familienvater in seinem zweitletzten Vertragsjahr mit dem Scott-Team mitunter aus seinen Leistungsdaten: Auch dieses Mal kam er bei den Tests an seine Bestwerte heran.

Neff noch nicht in alter Stärke

Bei den Schweizer Frauen ist die Hierarchie ebenfalls nicht mehr klar. Anderthalb Jahre nach ihrem folgenschweren Trainingssturz wartet Jolanda Neff noch auf Spitzenergebnisse in wichtigen Rennen. «Es geht mir gut. Ich konnte mich ohne Zeitdruck von den Verletzungen erholen und trainierte zuletzt viel. Allerdings habe ich noch nicht das Gefühl, das ich gerne hätte», sagt Neff.

Derweil scheint Sina Frei in ihrer dritten Saison bei der Elite reif für das Podest. Viermal war die 23-jährige Zürcherin, die auf Nachwuchsstufe Sieg an Sieg gereiht hatte, schon Vierte. Nun soll der Wechsel zum international aufgestellten Specialized-Team die nächste Stufe einläuten: «Mit einem Top-5-Resultat wäre ich beim Auftakt in Albstadt zufrieden. Aber das Ziel ist natürlich schon auch, dass ich nicht immer knapp neben das Podest fahre, sondern auch darauf.»

Neff und Frei haben gemein, dass sie die Saison aus einer Aussenseiter-Position in Angriff nehmen. Die meistgenannten Favoritinnen sind die französische Weltmeisterin Pauline Ferrand-Prévot, die Amerikanerin Kate Courtney und Ferrand-Prévots junge Landsfrau Loana Lecomte. Auch der Australierin Rebecca McConnell, der Britin Evie Richards, Neffs Teamkollegin bei Trek, und der etwas unter dem Radar laufenden Niederländerin Anne Terpstra wird einiges zugetraut.

Interner Selektionskampf

Die ersten Weltcuprennen stehen für diverse Schweizer auch im Zeichen der Olympia-Qualifikation. Swiss Cycling kann mit je drei Quotenplätzen pro Geschlecht planen. Die Anwärter für die letzten Tickets müssen sich im internen Konkurrenzkampf behaupten.

Vier Weltcuprennen und die Schweizer Meisterschaft in Gstaad stehen bis zu den Olympischen Spielen auf dem Programm. Komplettiert wird der intensive Sommer mit der EM in Novi Sad und der WM in Val di Sole im August sowie dem Weltcup in Lenzerheide und dem Finale im amerikanischen Snowshoe im September. Die ersten zwei Rennen in Albstadt und Nove Mesto fliessen noch in die Wertung für die Olympia-Quotenplätze ein.

Nino Schurter und Mathias Flückiger sowie Sina Frei und Jolanda Neff sind zwar noch nicht offiziell für Tokio selektioniert. Doch es wäre eine dicke Überraschung, gäbe es an deren Aufgebot noch etwas zu rütteln. Das Quartett mischt international ganz vorne mit und trug wesentlich dazu bei, dass Swiss Cycling als klar führende Nation schon vor dem Stichtag mit je drei Olympia-Startplätzen pro Geschlecht planen kann.

Das maximal grosse Kontingent öffnet Schweizer Athletinnen und Athleten aus der zweiten Reihe eine kleine Tür zu den Spielen. Wobei der interne Konkurrenzkampf es in sich hat. In der günstigsten Position für die freien Plätze sind Lars Forster und Alessandra Keller. Doch sicher können sich beide nicht sein.

Forster, der Europameister von 2018 und Weltcupsieger in Snowshoe 2019, muss sich nach dem durchwachsenen letzten Herbst mitunter gegen Fabio Colombo und Thomas Litscher behaupten. Auch Fahrer wie Andri Frischknecht oder Lukas Flückiger könnten sich mit Exploits noch ins Gespräch bringen. Keller, die ihr Pharmazie-Studium an der ETH zugunsten des Sports unterbrochen hat, wurde Anfang Jahr zum zweiten Mal seit 2019 durch eine Verletzung ausgebremst. Die 25-jährige Nidwaldnerin muss sich im Kampf um das letzte Olympia-Ticket vorab gegen Linda Indergand, Nicole Koller und die Marathon-Europameisterin Ramona Forchini durchsetzen.

Quelle: sda
veröffentlicht: 7. Mai 2021 05:04
aktualisiert: 7. Mai 2021 05:04