Kommentar

Ich mag Bier nicht! Und jetzt hört auf zu nerven

Sarah Lippuner, 2. August 2020, 20:40 Uhr
Lager, dunkel oder naturtrüb – mir egal, ich mag sie alle nicht.
© FM1Today
Bei mir musst du gar nicht fragen: Es ist definitiv dein und nicht mein Bier. Denn ich finde Bier mega grusig. Das nervt in einigen Situationen ganz schön.

Ich weiss, wie sich ein Alien bei seiner Ankunft auf unserer Erde fühlen würde: So, wie ich mich in jeder Bar, an jedem Festival, an jeder Gartenparty fühle. Denn was gefühlt die ganze Welt für flüssiges Gold hält, ist für mich etwa gleich grusig wie Bisi. Damit gehöre ich in unserer Gesellschaft zu einer Minderheit.

Den Rausch gibt's nicht umsonst

Warum serviert ihr an eurer Party nur Bier? Ja, schon klar, weil billig. Aber fies für Leute wie mich. Wie viel mal musste ich eine Party für den kilometerlangen Gang zu einer Tankstelle verlassen? Kaum angekommen, heisst es: Es gibt nur Bier! Und Softdrinks! Aber wer will die schon? «Ääähm hesch au Wii oder so öppis?», frage ich den Gastgeber und blicke ihn dabei so treuherzig an, damit er sogar die 500-fränkige, vom Onkel Heinz auf den 16. Geburtstag geschenkte, Weinflasche für mich köpfen würde. «Ou sorry nei – aber es het jo Bier!» Er hätte gerade so gut sagen können: «Aber es het jo WC-Bäseli!» So unnütz ist Bier für mich (obwohl WC-Bäseli genau genommen einen grösseren Nutzen haben). Finanzier ich mir meinen Rausch halt selbst. Danke für die Einladung.

Die erste Trennung mit 16

Mit 16 Jahren ging der Graben auf. Die Aufregung war riesig im Kollegenkreis: Endlich darf man das Bier mit seiner eigenen ID kaufen. Das Wochenende wurde zugedeckt mit Bierkartons. Und ich? Schlürfte an meinem Litchi-Eve (welches übrigens doch einen Biergeschmack hat, ganz mild, aber man schmeckt es). Den ganzen Hype um die Bierkartons konnte ich nie nachvollziehen. Die engste Begegnung mit einem Bierkarton hatte ich, als mein Kumpel mir einen leeren mit voller Wucht ins Gesicht kickte. Aus Versehen natürlich. Er war ja besoffen. Ich nicht.

Leert mir kein Bier an! 

Um eins klarzustellen: Egal ob euer Fussballclub grad das entscheidende Goal gemacht hat oder ob ihr oben ohne die beste Zeit an der Streetparade habt: Man leert keinem Menschen Bier an! Das ist uh fest grusig und klebrig und es stinkt. Und warum leert ihr es überhaupt aus, es ist doch das Beste auf der Welt für euch? Aber bitte, wenn ihr den Inhalt eures heiligen Grals schon über jemanden giessen wollt, dann bitte nicht über mich. BITTE NICHT! Nehmt den Typen neben mir. Denn bei mir ist der Abend nach einer Bierdusche gelaufen. Wäh!

Nein, ich will wirklich nicht damit anfangen

Immerzu hör ich den Spruch «s'Erschte Bier findet alli grusig»... ja warum trinkt ihr denn weiter? Ständig wollen mich Leute – auch wildfremde Leute – davon überzeugen, ich solle mit dem Biertrinken anfangen. Für was? Um später meinen Bierbauch abtrainieren zu müssen? Mir reichen die einzelnen Schlücke, die ich mit 16 widerwillig trank und die zahlreichen Bierduschen. Ich bleibe Bier-Jungfrau, basta.

Wie kann man ein Lager trinken?

Sorry aber, kann mir jemand rasch den Bierwitz erklären? Ich kenne den Unterschied nämlich nicht zwischen Lager und dem anderen. Ich weiss auch nicht, warum man wo welche Biersorte trinkt und warum die immer die allerbeste ist. Die Bier-Sprüche, die auf eurer Fussmatte, über eurer Bar oder auf eurem T-Shirt stehen, versteh' ich nicht. Soll ich nachfragen? Besser nicht, sonst muss ich mich wieder rechtfertigen, warum ich Bier nicht mag.

Oktoberfest: Meine Hölle, Hölle, Hölle...

Ich muss mich nämlich ständig dafür rechtfertigen. So als würde ich sagen: «Ich überfahre Katzen zum Spass.» Hallo, Bier nicht zu mögen, ist keine Straftat! Es tut niemandem weh und ich glaube nicht, dass sich der Hopfen diskriminiert fühlt. Nur einmal im Jahr leistet mir das Bier einen Gefallen. Nämlich im Herbst, wenn ich mich rechtfertigen muss, warum ich nicht an ein Oktoberfest gehen will. «Weisch, ich ha nöd gern Bier» – «Aaah, jo denn isch würkli nöd so cool.» Danke Bier, dass ich dank dir kein Dirndl tragen muss.

Ich hab's doch nur gut gemeint...

Früher war ich noch naiv und hab Freunden Bier zum Geburtstag geschenkt. Nach mehrfach enttäuschten Blicken bei der Geschenkübergabe lasse ich nun die Finger davon. Ich bringe eh das falsche Bier. Zu weiblich, zu grusig, zu Lager oder was auch immer. Ich fühle mich vor dem Bierregal wie die meisten Männer in der Kosmetikabteilung: Verloren und gelangweilt. 

Ist ja euer Bier

Damit ihr mich richtig versteht: Ich gönne euch euer Bier. Sehr fest. Aber lasst mich auch mein Bier-freies Leben geniessen. Schliesslich sollten sich Biertrinker freuen über Menschen wie mich. Denn wir sorgen dafür, dass ihr an der Party mehr Bier für euch habt. Gern geschehen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 1. August 2020 16:52
aktualisiert: 2. August 2020 20:40