Film-Kritik

Das Leben: Wie schön, wie tragisch

7. April 2022, 10:03 Uhr
Zwei unterschiedliche Männer, eine gemeinsame Reise, der Tod und das Leben. Die schweizerisch-französische Koproduktion «Presque» betritt erzählerisch bekanntes Filmterrain – und ist doch ganz anders.
Punkten als Team: Bernard Campan (rechts, spielt Bestatter Louis) und Alexandre Jollien (spielt Velokurier Igor) in «Presque».
© 2022 JMH Distributions SA

Louis (Bernard Campan) ist Bestatter, zeitlich ausgelastet und gerade unterwegs zu einem nächsten Auftrag. Igor (Alexandre Jollien) ist Velokurier, hat viel Zeit und liefert gerade Bio-Gemüse aus. Die beiden wären einander wohl nie begegnet. Doch dann kommt es wegen einer Unachtsamkeit zu einem Unfall. Louis denkt, die Sache sei damit erledigt, Igor im nächsten Krankenhaus abzuliefern. Doch wenige Tage später, auf einer Raststätte zwischen Lausanne und Südfrankreich, liegt Igor plötzlich neben einem Sarg in Louis' Wagen.

Natürlich kommt einem bei «Presque», den Campan und Jollien gemeinsam realisiert haben, «Intouchables» in den Sinn, der Grosserfolg aus Frankreich. Zwei unterschiedliche Männer, die viel Zeit zusammen verbringen und sich schliesslich anfreunden. In «Presque» sind es ein Geschäftsmann Ende 50, der ohne Unterlass arbeitet, und ein 40-jähriger Philosoph in einem cerebral gelähmten Körper.

«Presque» feierte im vergangenen September am Festival du Film Français d'Helévtie (FFFH) in Biel Weltpremiere. Damals gab es, was selten ist am FFFH, eine Standing Ovation. Im Gespräch erzählten die beiden, dass das Werk eine ziemliche Zangengeburt gewesen sei – insgesamt schrieben fünf Personen am Drehbuch. Lange sei unklar gewesen, was die Stossrichtung sein sollte: Eine Dokumentation über das Leben des Walliser Philosophen und Autors Alexandre Jollien? Oder doch ein Spielfilm, aber mit anderen Schauspielern? Dem fertigen Film ist dieser offenbar steinige Entstehungsweg nicht anzumerken.

Was für beide unabhängig von der Form wichtig war: Zu zeigen, wie sehr wir alle in Kategorien denken, wie geübt wir darin sind, Urteile zu fällen und unsere Mitmenschen in Schubladen zu stecken. So sehen wir zum Beispiel einen Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung, die dazu führt, dass sich diese Person fern der Norm bewegt. Umgehend ist die Verbindung gemacht und wir gehen davon aus, dass dieser Mensch auch geistig zurückgeblieben ist. Solche fundamentalen Irrtümer wolle ihr Film ins Bewusstsein rufen, sagten die beiden in Biel.

Das Leben als Gedankenstrich

Die Fahrt südwärts und die gemeinsamen Erlebnisse, die Freundschaft, die durch Widerstände wächst – all das könnte leicht zum Kitsch verkommen, wohlig-oberflächliches Happy End inklusive. Campan und Jollien umgehen diese Gefahr unangestrengt. Sie punkten als Team. Dass die beiden auch privat befreundet sind, gereicht «Presque» nicht zum Nachteil. Im Gegenteil. Die beiden finden immer wieder die Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit.

Grundiert ist das Drehbuch mit einer stimmigen Selbstironie, die vor allem Jollien nährt. Er, der zu jeder Situation das passende Zitat bereit hält, Sokrates, Nietzsche und Spinoza zitiert, als wären es seine besten Freunde und dabei ein Loblied auf den Stoizismus und Gleichmut singt, dabei aber grösste Angst hat vor einem möglichen Urintropfen auf dem WC-Rand in einem Hotel oder Fuchskot am Wegesrand.

Gleichzeitig ist da aber auch eine beeindruckende Tiefe: Igor hadert mit seiner Beeinträchtigung, mit seinem verdrehten Körper, seinem Aussehen. Es gibt keine Tabus, kein Verstecken. Wie selten sind Sexszenen mit Menschen, die sich optisch ausserhalb unserer sehr engen Norm befinden?

«Presque» hält uns den Spiegel vor, lässt uns unsere eigenen Vorurteile überprüfen und zeigt uns im Kern dies: Zwei Menschen, die, jeder auf seine Weise, kämpfen und versuchen, dieses Leben ordentlich zu meistern, einen Weg zu finden zwischen der Tragik und der Schönheit unserer Existenz.

Besonders in Erinnerung bleibt dabei die Rede von Igor an einer Abdankung, in der es darum geht, warum der Gedankenstrich, der zwischen den zwei Jahreszahlen auf einer Todesanzeige steht, nichts weniger ist als eine Metapher für unser Leben.

Am Schluss sind Igor und Louis nackt – im übertragenen Sinne. Aber auch ganz unmittelbar.

*Dieser Text von Raphael Amstutz, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

Quelle: sda
veröffentlicht: 7. April 2022 10:03
aktualisiert: 7. April 2022 10:03
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