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TalkTäglich

Reinhold Messner: «Bergsteigen ist nutzlos, für mich aber sinnvoll»

29. Dezember 2021, 20:33 Uhr
Der Südtiroler Reinhold Messner gehört zu den berühmtesten Bergsteigern der Welt. Er war als erster Mensch auf allen Achttausendern der Welt und bestieg den Mount Everest ohne Sauerstoff. Im TalkTäglich spricht der 77-Jährige über den Sinn des Bergsteigens und wie es sich in den letzten Jahren verändert hat.
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Quelle: Tele 1

«Ich habe nie Rekorde aufgestellt. Für mich ist der Alpinismus eine kulturelle Auseinandersetzung.» Reinhold Messner schätzt seine Erfolge mehr als «günstige Situationen» ein. Er sei in eine Generation hineingeboren worden, die viel Zeit und Möglichkeiten in der Wildnis hatte. «Wir konnten in alle Regionen reisen. Die Berge waren viel weniger erschlossen als heute. Die Bergsteiger der heutigen Zeit haben es schwierig, da viele Herausforderungen schon von anderen weggenommen wurden.»

Teil der Zehen amputiert

Reinhold Messner ist in den Bergen aufgewachsen. Bereits als Kind habe er den Instinkt für die Berge in den Dolomiten aufgebaut. «Ich habe 20 Jahre als Felskletterer gelebt», sagt er im TalkTäglich. «Irgendwann sind meine Füsse erfroren und ich musste Teile meiner Zehen amputieren. Dadurch konnte ich nicht mehr gut Felsklettern.» Er habe deshalb eine andere Möglichkeit gesucht, sich auszudrücken. So hat er mit dem Höhenbergsteigen begonnen.

«Ich habe immer etwas Neues angefangen, wenn ich mich in einer Sparte nicht mehr verbessern konnte oder es keine kühneren Projekte mehr gab.» Diese Gabe, etwas zu wagen, habe ihn weiter gebracht. «Es gab sicher bessere Kletterer und Menschen mit besserer Ausdauer, ich bin ein durchschnittlicher, sportlicher Mensch, habe aber gelernt, mich weiterzuentwickeln und keine Angst vor Projekten zu haben.»

«Es gibt einen Unterschied zwischen Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit»

Dies habe er geschafft, weil er seinen Projekten einen Sinn gab. «Die Durchsteigung der Eiger-Nordwand mag der Menschheit nutzlos erscheinen. Bergsteigen ist widersinnig, gerade wenn man wirklich am Rande des Sterbens steht.» Deshalb versucht der Südtiroler seinen Projekten bei der Vorbereitung einen Sinn zu geben. «Es ist wichtig, dass die Menschen verstehen, dass es zwischen Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit einen Unterschied gibt. Wir können etwas Unnützes sinnvoll erscheinen lassen.»

Noch heute ist Reinhold Messner in den Bergen unterwegs. Kurz vor Ausbruch der Pandemie war er noch mit seiner Frau auf dem höchsten Berg Äthiopiens. «Ich kann nicht mehr so gut klettern wie früher, habe nicht mehr dieselbe Ausdauer, komme aber gut zurecht.» Kraft geben ihm seine vielen Projekte wie die Museen, in denen er die Begegnung zwischen Mensch und Berg thematisiert.

Für ihn hat der Massentourismus am Mount Everest nichts mehr mit Alpinismus, mit Abenteuer zu tun: "Das ist kein traditionelles Bergsteigen mehr. Es ist kaum noch Interesse an der Historie vorhanden. Die Haltung gegenüber der Berge hat sich gewandelt.»

(red.)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 29. Dezember 2021 20:33
aktualisiert: 29. Dezember 2021 20:33