Bilanz

Wie hat uns das Coronavirus verändert?

Chantal Herger, 15. September 2020, 14:38 Uhr
Seit einem halben Jahr treibt uns das Coronavirus um, hat unseren Alltag auf den Kopf gestellt und umgekrempelt. Wir haben viel vermisst, verzichtet, aber auch so einiges gelernt.

Was haben wir vermisst?

Kultur, Festivals und Sportanlässe – fast alle Freizeitaktivitäten wurden gestrichen. Wir sind kulturell verarmt. Das zeigte auch den Ansturm auf die wenigen Konzerte und Festivals, die es dennoch gegeben hat.

Familie, Freunde und unsere Freiheiten. Die meisten von uns wurden noch nie so stark eingeschränkt in ihrem Leben wie in den vergangenen sechs Monaten. Wir waren gezwungen, auf vieles zu verzichten. Vor allem bei Treffen mit unseren geliebten Freunden und Grosseltern fiel uns das schwer.

Was nicht?

Dank dem Aufruf des Bundesrates «Bleiben Sie zuhause» kam es auf den Schweizer Strassen während des Lockdowns kaum zu Staus. Das hat sich bereits wieder ins Gegenteil gekehrt.

Bei einem Firmenanlass oder einem Familienfest kann die Begrüssung zur Tortur werden. Mit Corona wurde alles einfach. Ein kurzes Nicken und Lächeln, den Ellbogen ausstrecken und gut ist. Der Kreis der Begrüssungsrituale wird sich lichten.

Was haben wir gelernt?

Innehalten und Dinge ruhiger angehen. Vor allem während des Lockdowns wurde unser Alltag drastisch ausgebremst. Wir wurden zwangsläufig in den Winterschlaf versetzt. Das Leben hat sich nur noch in den eigenen vier Wänden abgespielt. Und wir hatten endlich Zeit für all die aufgesparten Projekt – einen Garten anlegen, ein Bett zimmern, ein Instrument lernen. Die verplante Freizeit ist einer leeren Agenda gewichen.

Wir haben gemerkt, wie wichtig der Austausch mit anderen Personen ist. Egal, ob mit Arbeitskollegen oder Familie und Freunden. Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht gute Gespräche und gemeinsame Aktivitäten. Deshalb wird sich das Modell 100-Prozent-Home-Office wohl kaum durchsetzen, eine Mischform jedoch sicher.

Die Solidaritätswelle war gross, Freiwillige meldeten sich für Nachbarschaftshilfe, gingen für ältere Personen einkaufen und erledigten weitere Arbeiten. Vielleicht hat sich auch das Verständnis gegenüber anderen Generationen verbessert.

Wir haben systemrelevante Berufe schätzen gelernt: Das Pflegefachpersonal, die Leute an den Kassen, Lastwagenfahrerinnen und Buschauffeure. Doch ausser Applaus gab es nichts. Viele der systemrelevanten Berufe kämpfen immer noch für mehr Lohn.

Auch für viele Eltern war der Lockdown eine lehrreiche Zeit: Home-Office und nebenbei die Kinder betreuen und beim Fernunterricht unterstützen ist eine Herausforderung. Und hat so wohl vielen die Augen geöffnet, was bezüglich Vereinbarkeit von Job und Familie noch getan werden muss.

Gefühlt die ganze Schweiz hat jeweils die Konferenzen des Bundesrates mitverfolgt, noch nie waren unsere Bundesräte so präsent. Dies hat auch gezeigt, wie wichtig der Informationsfluss ist.

Was bleibt?

Kontakt halten geht auch über Zoom. Wir nehmen schneller mal das Handy zur Hand um zu telefonieren. Auch der Arbeitsalltag wird sich verändern, in vielen Betrieben ist Home-Office nun akzeptierter. Systemrelevante Berufe haben aufgezeigt, warum sie systemrelevant sind. Diese sollten wir auch finanziell mit mehr Lohn wertschätzen. Auch das Verständnis für die Vereinbarkeit von Job und Familie wird in der Gesellschaft noch einige Entwicklungen vorantreiben.

Das Wissen um unsere Privilegien. Wir haben gemerkt, dass wir unzählige Freiheiten geniessen konnten und können.

Ausserdem: Wohl oder übel werden Masken weiterhin unseren Alltag begleiten. Und das WC-Papier im Keller wird wohl noch eine Weile reichen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 15. September 2020 14:36
aktualisiert: 15. September 2020 14:38