Nach Aussage WM-Botschafter

Eine ganze Religion wird kritisiert: Ist das fair?

Marina Lampert, 20. November 2022, 13:54 Uhr
Nach der homophoben Aussage des Katar-WM-Botschafters Khalid Salman häuften sich auf Twitter islamophobe Kommentare. Twitter-User führten die Aussage direkt auf die religiösen Wurzeln des islamischen Religionsstaates zurück. Woher kommen die Vorurteile? Sind die Beschuldigungen fair? Wir haben bei einem Religionswissenschaftler nachgefragt.
Die homophobe Aussage des WM-Botschafter Khalid Salman löst auf Twitter eine Diskussion über den Islam aus.
© Screenshot ZDF
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Seit der Bekanntgabe der FIFA, die WM im emiratischen Staat Katar auszutragen, hagelt es Kritik. Zum einen aufgrund der Verletzungen der Menschenrechte beim Bau der Fussballstadien und zum anderen wird die Klimaneutralität infrage gestellt. Aber jetzt müssen auch die Musliminnen und Muslime Kritik einstecken. Die homosexuell-feindliche Aussage des WM-Botschafters Khalid Salman führt zu islamophoben Diskussionen auf der Social-Media-Plattform Twitter.

Islamophobie auf Twitter

«Endlich wird hier mal die Gefahr des Islamismus deutlich angesprochen. Dafür wurde ich in der Vergangenheit schon mehrmals gesperrt», schreibt ein User. Gefahren des Islams seien laut den Twitter-Kommentaren die homophobe Einstellung und die Diskriminierung der Frauen. So meint ein weiterer User, Umfragen und Studien würden zeigen, dass beim Thema Frauendiskriminierung und Homophobie die Muslime deutlich vorne lägen.

Typische Vorurteile werden genannt

«Man hat eine europäische oder westliche Vorstellung von einer islamischen Welt, welche als rückständig wahrgenommen wird», erklärt Oliver Wäckerlig, Religionswissenschaftler des Schweizerischen pastoralsoziologischen Instituts (SPI). Deshalb überrasche ihn den Inhalt der Twitter-Kommentare nicht. Beispiele wie die Frauendiskriminierung und die Homophobie werden gerne benutzt, um die provinzielle Denkweise der Muslime aufzuzeigen. Aber man dürfe nicht vergessen, dass in den meisten Weltgegenden Frauen schlecht behandelt und Homosexuelle unterdrückt werden.

Trotzdem zeige man gerne Richtung Osten. «Das überdeckt die Probleme in der eigenen Gesellschaft, wenn man mit dem Finger auf die anderen zeigt», erklärt der Religionswissenschaftler. Es handle sich hierbei um den Abwehrmechanismus «Projektion». Auf diese Weise wolle sich die Bevölkerung eines Landes besserstellen.

Grundlegende Islamfeindlichkeit

Einen aktuellen Anstieg der Islamophobie in der Schweiz aufgrund der WM sähe Wäckerlig nicht. Aber es gäbe eine grundlegende Islamfeindlichkeit, welche sich verbreite – besonders bei punktuellen Ereignissen wie der Aussage des WM-Botschafters. In seinem Bericht «Islamophobia in Switzerland – National Report 2021» schreibt Wäckerlig, dass 34 Prozent der Schweizer Bevölkerung eine stark negative stereotypische Vorstellung und 12 Prozent sogar eine feindliche Haltung gegenüber Musliminnen und Muslimen haben.

Die menschenverachtenden Äusserungen des WM-Botschafters könne man gut skandalisieren, meint Wäckerlig. «Im Prinzip ist diese Skandalisierung richtig, aber es gehört in das Gesamtpaket, dass es einen breiten Widerstand gegen die WM gibt.»

Ist die Schuldzuweisung fair?

Die Menschenrechtsverletzungen auf ihre religiösen Wurzeln zurückzuführen, wäre eine pauschale und reduktionistische Wahrnehmung, meint Wäckerlig. «Man kann nicht nur der Religion die Schuld geben. Das ist verbunden mit der Kultur und der Entwicklung des Landes.» Die Länder im Nahen Osten waren lange unter der kolonialen Herrschaft von Grossbritannien: «Die Briten haben quasi ein Homosexualität-Verbot in den Gesetzen niedergeschrieben, welche zum Teil heute noch gelten.»

Die Scharia ist nach islamischem Verständnis das «göttliche Gesetz» und basiert auf dem Koran.

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Die Aussage «Der Koran schreibt mir das vor!» sei sehr beliebt. Denn die Scharia, die Hauptquelle der Gesetzgebung, basiert auf dem Koran. Durch die verschiedenen Möglichkeiten, den Koran zu interpretieren, spalten sich die Meinungen der Leute. «So leiten die Fundamentalisten beispielsweise ein Verbot von Homosexualität aus ihrer Interpretation des Korans ab», erklärt der Religionswissenschaftler. Das sei bei den christlich Gläubigen auch so. Diese wollen ebenfalls das Verbot der Homosexualität aus der Bibel ableiten. Schliesslich lese man nur das, was man auch lesen möchte.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 19. November 2022 11:15
aktualisiert: 20. November 2022 13:54