Festnahme in Luzern

Alt Kantonsrätin erhebt schwere Vorwürfe gegen Polizei

Caspar van de Ven, 4. Juni 2020, 08:58 Uhr
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Quelle: Leserreporter

Die ehemalige Luzerner Kantons- und Stadtparlamentarierin Heidi Joos erhebt schwere Vorwürfe gegen die Luzerner Polizei. In einem offenen Brief erzählt sie von einem unverhältnismässigen Einsatz. Die 65-Jährige musste demnach eine verstörende Nacht auf dem Polizeiposten verbringen.

«… mit Gewalt, in Handschellen und mit einer Guantanamo-Mütze übergestülpt wurde ich ins fensterlose Kellerloch an der Kasimir-Pfyfferstrasse abgeschoben, wo ich die Nacht ohne Gewährung der mir zustehenden Rechte dahinvegetieren musste. Und das im Covid-Risikoalter 65plus...» So beginnt das 11-seitige Dokument, in dem Heidi Joos detailliert beschreibt, was sie am vergangenen Pfingstwochenende miterleben musste.

Auf dem Bahnhofplatz Luzern aufgegriffen

Wie bereits an den beiden Samstagen zuvor, habe sie auch am Pfingstsamstag auf dem Bahnhofplatz Luzern einen stillen Protest gegen die Einschränkungen der Grundrechte in Zeiten des Notrechts abgehalten. Als sie den Bahnhofplatz verlassen wollte, sei sie von einer jungen Polizistin angehalten worden, um ihr ihre Ausweispapiere auszuhändigen. Ab diesem Zeitpunkt habe sich die Lage immer weiter zugespitzt. Nach einigem Hin und Her – Heidi Joos beschreibt sich selbst als Person, die sich getraut ihre Meinung zu sagen – wurde die 65-Jährige festgenommen.

«Sie legten mich unter Anwendung von Gewalt in Handschellen und zerrten mich, die mittlerweile lauthals um ihre Freiheitsrechte schrie, zum bereitstehenden Polizeiauto.»

Weiter beschreibt Heidi Joos, wie ihr eine nach Hund riechende Guantanamo-Mütze über den Kopf gestülpt und sie in den «Bunker» der Luzerner Polizei an der Kasimir-Pfyfferstrasse gebracht wurde. Während des Transports zur Polizeistation habe sie eine leichte Verletzung am Auge erlitten, welche anschliessend in der Permanence Luzern untersucht wurde.

Nachträglicher Untersuch am 2. Juni 2020 (Hämatom am Oberlied)
© Heidi Joos – Dokumentation Permanence Luzern 2. Juni

Eine Nacht mit vielen Schikanen

Angekommen sei sie dem obligaten Programm ausgesetzt worden; Fingerabdrücke, Fotografieren sowie, dass sie sich nackt vor den Polizistinnen entblössen musste. Alle diese Handlungen seien von Beamten vorgenommen worden, die keine Schutzmasken trugen – und dies obwohl sich die 65-Jährige mehrmals als Teil der Risikogruppe bezeichnet hatte.

Die Nacht musste sie laut eigenen Aussagen in einer weissgekachelten Bunkerzelle im Kellergeschoss verbringen. Weder Seife noch Desinfektionsmittel seien vorhanden gewesen – lediglich eine sehr eng bemessene Menge Klopapier sei auf dem Tisch gelegen.

Weisses Laken und Plastikmatratze

Die Nacht musste Joos auf einer kleinen Plastikmatratze verbringen – dazu ein weisses Laken, in das sie sich einwickelte. Sie habe die Welt nicht mehr verstanden: «Ich ertappte mich sogar mit dem Gedanken, wahrscheinlich in Guantanamo besser aufgehoben zu sein, als in diesem Kellerloch, weil die Zellen dort Luken ins Freie aufweisen», so Joos in ihrem Schreiben. Trotz der mehrmaligen Bitte, mit jemandem telefonieren oder nach Hause gehen zu können, musste die 65-Jährige die Nacht auf der Polizeistation verbringen.

Entlassung um 10:45 Uhr

Nach einer Nacht mit wenig Schlaf sei es am Sonntagmorgen zur Einvernahme gekommen. Bereits zuvor, um ca. 6 Uhr morgens, sah sich Joos dazu veranlasst, den Notfallknopf zu drücken. Trotz grössten Sparanstrengungen sei ihr das Klopapier nämlich ausgegangen.

Ihr Wunsch, die folgende Einvernahme nur in Anwesenheit eines Anwalts durchzuführen, sei mit der Begründung abgelehnt worden, dass die Anwesenheit eines offiziellen Pflichtverteidigers bei der Einvernahme nicht gegeben sei. Gewährt worden sei ihr nur das Recht, auf eigene Rechnung einen Rechtsanwalt am Pfingstsonntag aufzubieten.

Nach weiteren Fotografien von allen Seiten, der erneuten Abgabe von Fingerabdrücken sowie einer DNA-Analyse habe das ganze Martyrium kurz vor 11 Uhr ein Ende genommen.

Stellungnahme der Luzerner Polizei

Die Ausführungen von Heidi Joos lösen einerseits Bedenken über die Arbeit der Luzerner Polizei aus. Andererseits stellt sich aber auch die Frage: Stimmen all diese Anschuldigen? Hat sich das ganze so abgespielt, wie von Heidi Joos beschrieben? Die Luzerner Polizei wollte sich nicht im Detail dazu äussern. Auf Anfrage von PilatusToday hat Christian Bertschi, Mediensprecher der Luzerner Polizei, folgende Stellungnahme geschrieben:

"Am Samstag, 30. Mai 2020, löste die Luzerner Polizei eine unbewilligte Demonstration gemäss den Covid-19-Bestimmungen des Bundes auf. Dabei wurde eine Person wegen Hinderung einer Amtshandlung sowie Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte vorübergehend festgenommen. Eine Polizistin wurde bei diesem Einsatz verletzt.

Die im offenen Brief erwähnten Vorwürfe sind von strafrechtlicher Relevanz. Die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet. Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, kann die Luzerner Polizei keine weiteren Auskünfte erteilen."

Tele 1 hat mit der ehemaligen Luzerner Kantons- und Stadtparlamentarierin Heidi Joos gesprochen:

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 3. Juni 2020 16:34
aktualisiert: 4. Juni 2020 08:58