«Sexting» oder «Cybergrooming»

Immer mehr Kinder versenden Nacktbilder von sich – Experte schätzt ein

Marcel Jambé, 7. Dezember 2022, 16:29 Uhr
Die Zahlen von unter 11-Jährigen, welche Kinderpornografie verschicken, sind in den vergangenen Jahren schweizweit angestiegen. Ein Experte sieht mehrere Gründe als Ursache und nimmt die Eltern in die Pflicht.
Die Zahlen von unter 11-jährigen, die Kinderpornografie verschicken, sind in den letzten Jahren schweizweit angestiegen. Während es im Jahr 2019 noch zu acht Beschuldigungen bei unter Elfjährigen kam, stieg die Zahl bis 2021 auf 29 Beschuldigungen ebendieser an, die Dunkelziffer dürfte höher sein. (Symbolbild)
© KEYSTONE/DPA/Silas Stein
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Immer mehr Minderjährige in der Schweiz schicken Nacktbilder und -videos von sich an andere Personen. Umgangssprachlich wird dies «Sexting» genannt. Beispielsweise filmte sich erst kürzlich eine Fünfjährige aus dem Wallis beim Duschen und lud das Video auf TikTok hoch, berichtete «20 Minuten». Die schweizweiten Zahlen dazu, welche auch PilatusToday vorliegen, bestätigen diese Problematik.

Von 8 auf 29 Fälle angestiegen

Die Verbreitung von pornografischem Material von Minderjährigen ist im Strafgesetzbuch unter «StGB Art. 197 Abs. 4 Satz 2» zu finden. Während es im Jahr 2019 noch zu acht Beschuldigungen bei unter Elfjährigen kam, stieg die Zahl bis 2021 auf 29 Beschuldigungen an. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. Wir haben mit einem Soziologen über dieses Phänomen gesprochen.

Professor Dr. Dirk Baier, wieso betreiben bereits Minderjährige Sexting?

Zunächst ordnet der Experte den Begriff «Sexting» ein: Ich würde das Verschicken von Nacktbildern nicht mit Sexting gleichsetzen. Sexting bedeutet, dass man sexuell eindeutige Nachrichten, Nacktbilder oder -videos normalerweise im Rahmen intimer Beziehungen austauscht. Wenn man so will, ist das Sexting das Äquivalent zum Schreiben von Liebesbriefen der Vergangenheit.

Der Soziologe Professor Dr. Dirk Baier arbeitet an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW seit 2015 als Leiter beim Institut für Delinquenz und Kriminalprävention.

© ZHAW

Natürlich beinhaltet das Verschicken solcher Inhalte das Risiko, dass sie missbräuchlich weiterverbreitet werden und dann als pornografisches Material von der Polizei eingestuft werden. Letztlich gibt es daher mehrere Gründe, warum sehr junge Jugendliche Nacktbilder oder -videos von sich erstellen und verschicken: Erstens, weil sie bereits in einer intimen Partnerschaft sind und in dieser Sexting nach der obigen Definition ausüben – dabei ist anzumerken, dass dies im Alter von zehn und elf Jahren extrem selten ist.

Der zweite Grund kann sein, dass sie auf dem Weg des «Cybergroomings» von Online-Bekanntschaften dazu motiviert oder gezwungen werden. Drittens kann es sich schlicht um Naivität und fehlende Sensibilisierung für die Problematik handeln. Bereits Kinder und junge Jugendliche kommen über das Internet und soziale Medien mit pornografischem Material oder Gewaltdarstellungen in Kontakt. Die doch einfache Verfügbarkeit dieser Bilder und Videos sind ein Grundproblem in einer medialisierten Gesellschaft. Bei ihnen kann der Eindruck entstehen, dass es «normal» ist, sich freizügig im Netz zu zeigen.

Allerdings bedeuten die veröffentlichen Zahlen zur Verbreitung von Pornografie nicht, dass eigene Nacktbilder oder -videos verbreitet wurden. Es kann sich auch um das Weiterverbreiten zugeschickter Bilder und Videos handeln durch ältere Freunde, ältere Geschwister oder andere. Diese Bilder oder Videos werden dann unter den gleichaltrigen Freunden geteilt, weil man sich verspricht, Anerkennung dafür zu erhalten, dass man solche verbotenen Inhalte besitzt.

Wie besorgniserregend ist dieses aktuelle Phänomen?

Die genannten Zahlen sind ja doch gering, von daher darf man nicht von einem Massenphänomen sprechen. Die Fälle kommen wahrscheinlich auch deshalb zum Vorschein, weil die Polizei proaktiv ermittelt und selbst die Straftaten aufdeckt, weil sie bei Fällen von Verbreitung pornografischen Materials weitere Handys kontrolliert. Dennoch ist ebenso davon auszugehen, dass nur ein Teil der Fälle überhaupt bekannt wird und tatsächlich noch einiges unter dem Radar passiert.

Besorgniserregend ist jeder Fall, der sich ereignet. Sei es, dass eigene Nacktaufnahmen verbreitet werden oder dass (kinder-)pornografisches Material von anderen Personen weiterverbreitet wird. Es gibt dabei immer Geschädigte, bei denen es zu psychischen Belastungen kommt. Solche Fälle sollten zudem Anlass sein, dass insbesondere Eltern für die Gefahren der sozialen Medien weiter sensibilisiert werden.

Inwiefern sind Eltern dafür mitverantwortlich?

Eltern tragen definitiv die Hauptverantwortung für solche Fälle. Es kann nicht sein, dass Kinder in diesem jungen Alter mit dem Konsum sozialer Medien und den Gefahren im Internet allein gelassen werden. Eltern müssen einerseits Vorkehrungen treffen, dass bestimmte Webseiten gesperrt sind.

Sie müssen andererseits die Kontakte kennen, mit denen ihre Kinder über soziale Medien vernetzt sind und sie müssen wissen, was ihre Kinder für Inhalte über die sozialen Medien austauschen. Wenn so junge Menschen Nacktbilder erstellen oder verschicken oder wenn sie (kinder-) pornografisches Material teilen, dann haben die Eltern in ihrer Aufsichtspflicht versagt.

Wie kann ich als Elternteil so etwas verhindern und wie soll ich dieses Thema meinem Kind erklären?

Die Eltern müssen gemeinsam mit ihren Kindern die medialen Welten entdecken. Dies gilt sowohl für soziale Medien wie auch für Musik- und Fernsehwelten. Genauso wenig wie Kinder allein vor dem Fernseher geparkt werden dürfen, dürfen sie allein mit dem Smartphone gelassen werden. Kinder im Alter bis zehn Jahren sollten überhaupt keinen von Eltern unkontrollierten Zugriff auf Smartphones, Tablets und das Internet haben. Ab dann können die Kinder erste eigenständige Schritte machen, immer aber begleitet von den Eltern.

Dabei sollten Eltern immer mit dem Kind über die Inhalte sprechen, danach fragen, was die Kinder aufwühlt, was sie nicht verstehen. Eltern müssen dann auch die Gefahren benennen. Dabei helfen auch die Schulen: Spätestens in der vierten und fünften Klasse erfolgt Medienunterricht. Den Eltern sollte von den Schulen mitgeteilt werden, welche Themen dabei behandelt werden, sodass diese zu Hause wieder aufgegriffen und vertieft werden können.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 7. Dezember 2022 16:22
aktualisiert: 7. Dezember 2022 16:29