99 einzigartige Menschen

Narben und Falten im Fokus – Nidwaldnerin fotografiert gegen den Schönheitswahn

Tobias Hotz, 16. Juni 2022, 14:57 Uhr
Auf Instagram werden Narben, Falten und andere Schönheitsmakel möglichst versteckt. Davon will die Nidwaldner Fotografin Melinda Blättler nichts wissen. Sie macht Bilder von Menschen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Entstanden ist ein eindrückliches Fotobuch.

Melinda Blättler hängt an dünnen weissen Fäden ein Foto eines Mannes ohne Arme auf. Doch es ist nicht seine Behinderung, die ins Auge sticht, sondern sein breites Lachen. «Er ist ein aufgestellter und positiv verrückter Mensch. Genau so wie er auf dem Bild zu sehen ist», sagt Melinda Blättler über den Mann, der bei einem Unfall seine Arme verlor.

Melinda Blättler arbeitete rund zwei Jahre am Projekt.

© Tobias Hotz / PilatusToday

Es ist eines von 99 Porträts, die ab Freitag im Kulturzentrum Sust Stansstad zu sehen sind. Die Schwarz-Weiss-Fotos hängen mal ein bisschen höher, mal ein bisschen tiefer. «Es soll nicht perfekt sein», erklärt die Fotografin aus Hergiswil. Denn dass alles immer perfekt ist, entspreche nicht der Realität.

Auf den ausgestellten Bildern sind ihre «Herzensmenschen» abgebildet. Es sind Menschen, deren Aussehen nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht oder die mit einem Tabu brechen. «Es sind 99 einzigartige Menschen.»

Melinda Blättler hat diese Menschen in den vergangenen zwei Jahren porträtiert. «Mein Ziel ist es, Schönheit zu zeigen und Verständnis zu schaffen.» Die Fotoshootings seien teilweise sehr emotional gewesen. «Von einigen bekam ich die Rückmeldung, dass sie das Shooting verändert hat. Dass sie ihren Makel als gar nicht mehr so schlimm ansehen und ihn besser akzeptieren können.»

Als Beispiel nennt Blättler eine übergewichtige Frau. «Zuerst wollte sie sich nur in weiten Kleidern fotografieren lassen. Nun ist sie extrem stolz auf ihre Fotos im Badekleid.» Seit diesem Projekt gehe die Frau auch viel lieber in die Badi.

Das Fotoshooting führte bei diesem Model zu mehr Selbstvertrauen in der Badi.

© Tobias Hotz / PilatusToday

Jemand, der sich von Melinda Blättler ablichten liess, ist Viviane Gysi. Sie ist mit einem stark behaarten Muttermal um das rechte Auge auf die Welt gekommen. «Als ich einige Monate alt war, wollte man eine Schälung machen. Doch das Muttermal war bereits zu tief verwurzelt», erklärt Gysi.

Für sie ist das Muttermal kein Makel, sondern ein Schönheitsmal. Es sei nicht etwas, das ihre Persönlichkeit ausmache. «Es ist bloss ein operiertes Muttermal. Mehr ist es nicht. Wieso sollte ich mich verstecken?»

So war das Fotoshooting von Viviane Gysi:

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Quelle: PilatusToday

Zwei Fotoshootings, die Melinda Blättler besonders eingefahren sind, waren mit einer jungen Brustkrebspatientin. Die 26-Jährige war bei ihr, als sie ihre Brust noch hatte und einmal nach der Brustentfernung. «Im Buch ist ein Bild, das die Narbe auf ihrer Brust deutlich zeigt. Ich bewundere ihren Umgang mit der Erkrankung.»

Doch genau darum geht es Melinda Blättler in ihrem Projekt. «Lass die Filter weg und zeig dich so, wie du bist.» Zuerst wollte sie 200 Menschen porträtieren. Doch sie merkte, dass das Buch überladen wäre und musste daher einigen Protagonisten absagen. «Nun sind es 99, also nicht ganz 100. Sie sind perfekt, so wie sind.»

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 16. Juni 2022 12:49
aktualisiert: 16. Juni 2022 14:57
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