Neue Recherchen

Mord an Obwaldner Wildhütern: Neue Erkenntnisse zur Bluttat auf der Gruobialp

Luzerner Zeitung/Romano Cuonz, 29. Juni 2022, 13:06 Uhr
1899 tötete Adolf Scheuber zwei Obwaldner Wildhüter, weil diese ihn beim Wildern erwischt hatten. Ein Buch zeigt, was man heute über die Bluttat und ihre Folgen weiss.
Adolf Scheuber (Kniend rechts) und seine Jagdkollegen posieren nach erfolgreicher Jagd im Herbst 1898 in einem Steinbruch mit ihrer Jagdbeute vor der Kamera des Nidwaldner Fotografen Louis Zumbühl.
© Romano Cuonz (NZ)

Die Tat geschieht am 14. Oktober 1899 auf der Gruobialp in den Melchtaler Bergen: Der Nidwaldner Zimmermann und Wilderer Adolf Scheuber erschiesst den Obwaldner Wildhüter Werner Durrer und dessen Sohn Josef. Weil sie ihn auf ­frischer Tat ertappt haben.

Scheuber wird gefasst. Doch mit einem Sprung aus dem Zug, der ihn nach Stans in die Untersuchungshaft bringen soll, kann er entfliehen. Seine Spuren verlieren sich in Südamerika und Afrika. Darum kann man Scheuber nie zum genauen Tatmotiv befragen. Seither begleiten Spekulationen die Erinnerungen an diese ungeheuerliche Tat.

«Auch eine Geschichte von Verlust und Vergebung»

Der Luzerner Historiker Michael Blatter hat die Ereignisse vor 20 Jahren in einem viel­ beachteten Buch akribisch aufgearbeitet. Jetzt ist das Buch – in weitgehender Überarbeitung – neuerdings erschienen. Damals hat Blatter vor allem anhand von Akten Fakten vermittelt. Jetzt aber geht er von hintergründigen Fragestellungen aus. Etwa: Welches ist die Sicht der Angehörigen, sowohl der Opfer als auch des Täters? Wer hat ­damals mit welchem Interesse über den Fall berichtet?

Der Nidwaldner Staatsarchivar Emil Weber betont, warum dieser Ansatz auch wichtig ist: «Für die damals leidtragenden Familien Scheuber und Durrer ist die Geschichte von Adolf Scheuber keine Abenteuer­geschichte. Sondern eine ­Geschichte von Schuld und Sühne, von Verlust und Vergebung.»

Geschichte ist sogar ein offizielles Kulturerbe

Michael Blatter rollt auf und vertieft, wie die lokale Geschichte über 120 Jahre hinweg, mündlich und schriftlich, in zahllosen Varianten weitergegeben wurde. Etwa in Romanen von Isabelle Kaiser oder Franz Heinrich Achermann. Zum Bestseller wurde die an Karl May erinnernde abenteuerliche Erzählung «Die eine wilde Jagd» von Ernst Rengger. Sie gab Stoff für Theaterstücke und Filme.

Auf ein schweizerisches Unikum weist Marius Risi, Obwaldner Leiter des Amtes für Kultur, Marius Risi, hin: «Nidwaldner Wilderer Geschichten sind 2012 sogar auf die offizielle Liste des immateriellen Kulturerbes der Schweiz aufgenommen worden!» Ein brutaler Mord in Verbindung mit einer Art offizieller Würdigung.

Der Mörder belieferte sogar die Stadt Luzern

Vieles im Buch ist neu recherchiert. So erklärt Blatter, wieso «Wildern nicht gleich Wildern» ist. In Bergregionen sei damals nicht nur aus Hunger gewildert worden. Mit Wildbret habe sich auf dem Schwarzmarkt viel Geld machen lassen. Im Bundesarchiv fand Blatter den Hinweis, dass Scheuber sogar die Stadt Luzern mit Gämsen belieferte.

Oder: In Romanen und Theaterstücken werde Wildern oft als Widerstand gegen die Obrigkeit interpretiert. Doch in Ob- und Nidwalden war die Jagd kein Privileg der Oberschicht oder der Behörden. Widerständig wird es trotzdem. Blatter zeigt auf, wie sich 1895 der Gesamtbundesrat an einer Sitzung mit den Brüdern Scheuber befassen musste. Dies, weil Nidwalden eine Busse wegen der beiden in Frage stellte und so eidgenössisches Recht nicht akzeptieren wollte. 1901 fällt in der Presse gar das wenig schmeichelhafte Wort «Nidwaldnerismus».

«Erzählen ist alles andere als eine unschuldige und harmlose Tätigkeit. Gerade wenn es um Gewalt, um Erklärung oder gar Rechtfertigung von Mord geht», sagt der Autor. In den Zeitungen sei eine Frage heftig debattiert worden: Wer nimmt in der Geschichte die Rolle des «Mörders» Tell ein? Wer die des «Opfers» Gessler? Oder wer gar die des «Helden» Winkelried?

Traumatisierte Familie der Opfer

Lautstark und zugespitzt werde in Romanen und Theatern erzählt. Sehr viel leiser sind die Stimmen der Betroffenen und Angehörigen. Verwandte von Adolf Scheuber versuchen in den 1930er-Jahren, die Veröffentlichung eines Romans zu verhindern. Die Vermischung von Dichtung und Wahrheit störte sie. Und Bruder-Klausen-Kaplan Werner Durrer, Grosssohn und Neffe der Ermordeten – erzählt, wie die Familie Durrer traumatisiert war. Dem Hotel «Nünalphorn» – unterhalb dieses Berges geschah der Doppelmord – gibt er als Besitzer den neuen Namen «Pax Montana». Er betont, wie froh man sei, dass der Mörder nicht gefasst wurde. Sondern ein langes Leben hatte. Und damit die Chance, die Tat zu beichten und zu sühnen.

Auch zum Verbleib von Adolf Scheuber gibt es in Blatters Buch neue Erkenntnisse. So analysiert er alle Briefe, die Scheuber aus Montevideo in die Schweiz geschickt hatte. Mit neuen Quellen erhärtet wird der Hinweis, dass Scheuber sich in den 1950er-Jahren in Burundi aufgehalten hat. Blatter: «Gerade die Frage, wo und wie Adolf Scheuber nach seiner Flucht gelebt hat, ist ein Grund für das Weiterleben der Wilderer-Geschichten.»

Luzerner Zeitung/Romano Cuonz
Quelle: Luzerner Zeitung
veröffentlicht: 29. Juni 2022 13:06
aktualisiert: 29. Juni 2022 13:06
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