Anglizismen und Jugendslang

«Chill dini Base, Bro!»: Zerfällt die deutsche Sprache?

26. Oktober 2021, 09:07 Uhr
Verwenden Teenager Anglizismen, ist das insbesondere bei Älteren oft verpönt. Dabei sind sie ein wichtiges Zeugnis für unsere Gesellschaft und ein wichtiges Werkzeug, sich von den Eltern abzugrenzen, sagt eine Sprachwissenschaftlerin.
Das Jugendwort 2021 lautet «cringe». Wie verändern Anglizismen unsere Sprache?
© Unsplash

1,2 Millionen Jugendliche haben sich seit Juni an der Wahl zum Jugendwort des Jahres 2021 beteiligt. Gewonnen hat mit 42 Prozent der Begriff «cringe», was aus dem Englischen kommt und ein Gefühl der Fremdscham bezeichnet. Wenn die Mutter eines Freundes beispielsweise versucht, cool zu sein und Worte wie «lit», «strange» oder «on fleek» benutzt, dann kann das durchaus «cringe» wirken. Zumindest aus jugendlicher Sicht. Vertreter älterer Semester würden wohl eher von einer «peinlichen» oder «unangenehmen» Situation sprechen.

Generell fällt auf, dass insbesondere unter Teenagern immer mehr Anglizismen verwendet werden und darüber regen sich viele Erwachsene fürchterlich auf. «Warum sprechen wir kein Deutsch mehr?», heisst es etwa in Artikeln über Anglizismen. Die Angst, dass unsere Sprache zunehmend durch Anglizismen unterwandert wird, ist zweifelsohne vorhanden. Aber ist diese auch berechtigt?

Sprache zur Identitätsbildung

Nein, findet die Sprachwissenschaftlerin Marlies Whitehouse. «Sprache widerspiegelt unsere Lebensrealitäten und gesellschaftlichen Trends. Wir leben heute internationaler – insbesondere geprägt durch die Digitalisierung und soziale Medien wie TikTok oder Instagram.» Dass sich das auch in der Sprache zeigt, sei völlig klar.

Für Jugendliche sei die Sprache ausserdem ein Werkzeug, um sich von den Eltern abzugrenzen. «Zum Erwachsenwerden gehört die Abgrenzung von den Eltern dazu. Das ist aber kein neues Phänomen, sondern war schon immer so und ist auch wichtig.» Entscheidend findet Whitehouse, dass man sich adressaten- und situationsgerecht ausdrücken kann, dass man also beispielsweise beim Einstellungsgespräch nicht dieselbe Sprache benutzt wie mit den Kolleginnen und Kollegen. 

Es könne aber durchaus auch amüsante Situationen geben, wenn solche verschiedenen Slangs aufeinanderprallen: «Wenn mir meine Teenager zu Hause zum Beispiel sagen, ich solle doch jetzt meine Base chillen, finde ich das nicht cringe.»

(noe)

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 26. Oktober 2021 06:48
aktualisiert: 26. Oktober 2021 09:07
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