Flexible Arbeitszeiten

Teilzeit-Pensum kann Burnout verhindern

Marcel Jambé, 21. Mai 2020, 07:05 Uhr
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Quelle: tele1

Teilzeit-Arbeit wird bei Arbeitnehmenden immer beliebter. Personen, welche ein Teilzeit-Pensum führen, erzählen über ihre Erfahrung und ein Psychologe von dessen Vorteilen.

Arbeitsmodelle mit flexiblen Arbeitszeiten haben gegenüber jenen mit fixen Tagesarbeitszeiten an Bedeutung gewonnen (PilatusToday berichtete). Das bedeutet, die Arbeitnehmer sind in Wochen-/Monats- oder Jahresarbeitszeit angestellt. Wir haben mit zwei Personen gesprochen, die ein Teilzeit-Pensum ausüben:

Nadja Toscan, Content Creator im Marketing, Tänzerin / Tanzlehrerin

Nadja Toscan arbeitet 70% als Content Creator in einer grösseren Schweizer Firma. Nebenbei arbeitet sie als Tänzerin und Tanzlehrerin in einem kleineren Pensum.

© zVg

Einerseits bin ich 70 Prozent angestellt als Content Creator, andererseits arbeite ich noch nebenbei als Tänzerin und Tanzlehrerin in einem kleineren Pensum. Ich habe mit dem Teilzeitpensum eine sehr gute Erfahrung gemacht. Ich arbeite eigentlich schon immer Teilzeit. Grund dafür sind meine zwei unterschiedlichen Jobs. Ich tanze schon seit ich klein bin. Und seit ich 16 Jahre alt bin, unterrichte ich als Tanzlehrerin. Mir war aber bewusst, dass ich nach dem Master den Berufseinstieg im Bereich Marketing und Kommunikation machen werde. Natürlich mit der Hoffnung, dass ich mit einem Teilzeit-Pensum arbeiten kann, um das Tanzen weiterzuführen. Es war anfangs nicht so ganz einfach, da die Gesellschaft erwartet, dass man nach einem Masterabschluss sofort Karriere macht. Ich hatte das Glück, dass ich Berufserfahrungen durch Teilzeit-Praktika sammeln konnte. Dies jeweils mit einem Pensum von 60-80 Prozent.

So mache ich es auch heute noch, damit ich genügend Zeit habe um meine Unterrichtslektionen für am Abend vorzubereiten. Ich hatte auch schon Phasen, wo ich 100 Prozent nur arbeitete ohne zu tanzen und auch umgekehrt. Ich bemerkte, dass beide Varianten für mich nicht passen und ich beides benötige. Wenn ich tanze, bin ich fokussierter und kreativer bei der Arbeit als Content Creator. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich für meine Arbeiten weniger Zeit habe und deswegen kreativer und fokussierter sein muss.

Nadine Hänni, Personalberaterin

Nadine Hänni arbeitet 60% bei einer Versicherung als Personalberaterin

Bereits vor meiner Schwangerschaft hatte ich den Wunsch, danach wieder weiterzuarbeiten. Tatsächlich bekam ich dann von meinem heutigen Arbeitgeber die Möglichkeit, nach dem Mutterschaftsurlaub mit einem Teilzeit-Pensum wieder zurückzukehren . Es ist definitiv eine Umstellung, wenn man nicht mehr die ganze Zeit im Büro ist. Man erfährt auch nicht mehr so viel wie früher. Das Team-Gefühl muss man darum auch bewusst gut pflegen. Beruflich ist man zum Teil unter Druck, weil man weniger Zeit hat um die Sachen zu erledigen. Dafür nutzt man die Auszeit umso mehr für Kinder und Familie.

Wenn man Teilzeit arbeitet, geniesst man den Austausch von Erwachsenen über Erwachsenen-Themen und nicht nur der Austausch mit den Kindern über Kinder-Themen. Zwar tauschen wir Erwachsenen uns auch telefonisch aus, aber der persönliche Kontakt fehlt aktuell nach wie vor.

Roland Weber, Psychologe

Psycholog Roland Weber ist Psychologe und macht auch Coachings.

© Luzerner Zeitung

Arbeit schafft Identität. Wir Menschen werden dauernd beim Kennenlernen von neuen Personen gefragt, was wir arbeiten. Mit einem Teilzeit-Pensum hat man die Chance, die Werte vom eigenen Leben neu auszurichten. Beispielsweise indem, dass man nur noch 80 Prozent arbeitet und dafür sein Hobby mehr auslebt. Rund 70 Prozent von allen Krankheiten sind sowohl direkt als auch indirekt, mit dem Stress verknüpft.

Das lineare Denken in unserer Gesellschaft, also immer höher, schneller und weiter, hat aus psychologischer Sicht einen sehr klaren Zusammenhang mit Stressfolgeerkrankungen und dem Burnout. Das heisst, bei der Arbeit sollte man statt mit der maximalen Leistung besser mit einem Pensum von 60 oder 80 Prozent arbeiten. Dies, weil dann der Körper und die Psyche optimal funktionieren. Zwar nimmt die Arbeitsleistung minimal ab, dafür kann die Gefahr, an einem Burnout zu erkranken, klar reduziert werden. Aber das optimale Arbeitspensum gibt es nicht – alle Wege führen nach Rom. Da wir Menschen sehr unterschiedlich sind, sind wir auch unterschiedlich belastbar. Ich bin der Meinung, dass es sich mehr lohnen würde, wenn wir eine grössere Wahlfreiheit hätten und besser auf unsere Psyche schauen könnten.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 20. Mai 2020 20:48
aktualisiert: 21. Mai 2020 07:05