Beckenried

War die Lehrerin überfordert? Staatsanwaltschaft prüft Verfahren

Martina Odermatt, Yanik Probst, 10. Juli 2020, 05:46 Uhr
Werbung

Quelle: Tele 1

Eine Lehrerin aus Beckenried soll ihre Schüler über Jahre hinweg geschlagen und verbal schikaniert haben. Für den Lernprozess ist dieses Verhalten überhaupt nicht förderlich, sagt der Präsident der Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie.

Bei den Kindern löse solches Verhalten vor allem Angst aus, sagt Philipp Ramming, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie. «Wenn die Kinder Angst haben vor Autoritäten, dann machen sie Vieles einfach hinter deren Rücken», so Ramming. Ausserdem führten Schikanen jeglicher Art dazu, dass sich die Kinder entwertet fühlen. «Das ist nicht gut für die Lernatmosphäre.» Die Motivation der Kinder, Neues zu lernen, nehme so rapide ab. Und weil Lehrer für die Kinder wichtige Bezugspersonen seien, sei es umso wichtiger, eine gute Grundstimmung herzustellen.

Auf Facebook generierte der Fall Beckenried viele Kommentare. Der Tenor: Diese Jungen sollen sich nicht so anstellen, auch sie hätten als Kinder in der Schule Ohrfeigen kassiert. «Diese Leute möchten Sicherheit und Ordnung und ihnen ist jegliches Mittel recht», schätzt Ramming die Situation ein. «Heute haben wir aber die Denkweise, dass Bestrafung als Lernhilfe nicht funktioniert.»

Sobald eine Lehrperson zu körperlicher Gewalt greife, zeuge das von Überforderung. «In unserer Gesellschaft ist es nicht üblich, dass körperliche und verbale Schikane im Unterricht eingesetzt werden. Bestrafende Massnahmen helfen nicht fürs Lernen.» Und er weist daraufhin, dass jede Person ein Recht auf körperliche und seelische Integrität und Respekt besitze.

Der Druck steigt stetig

Ramming betont, dass es sich bei der Lehrerin in Beckenried um eine Ausnahme handle. Die meisten Lehrpersonen würden nicht zu entwürdigenden Massnahmen greifen. Doch er sagt auch: «Der Lehrerberuf ist sehr schwierig geworden, der Druck steigt stetig.»

Das Schulhaus in der Gemeinde Beckenried.
© KEYSTONE/URS FLUEELER

Damit solche Vorfälle auch die Ausnahme bleiben, werden die angehenden Lehrpersonen in der Ausbildung entsprechend geschult. «Wir behandeln den Umgang mit Emotionen und Überforderung in einem obligatorischen Modul», sagt Annette Tettenborn. Sie ist Leiterin des Instituts für Professions- und Unterrichtsforschung an der Pädagogischen Hochschule Luzern.

Simulationen bereiten auf Ernstsituation vor

Mit Rollenspielen sollen die angehenden Lehrpersonen provoziert und bewusst herausgefordert werden. Denn: Es gibt verschiedene Arten, wie man in solchen Situationen angemessen reagieren kann. «Man kann bis drei zählen, ans Fenster laufen und so den Standort wechseln, die Situation unterbrechen.» Geplant ist, diese Rollenspiele gar mit Schauspielern zu machen.

Doch: Trotz allem kann einer Lehrperson einmal die Hand ausrutschen. Auch wenn es überhaupt nicht gut sei, arbeite man mit Menschen. Und da sind Reaktionen, die man meist sofort bedauert, auch wenn sie frei von Gewalt oder Repression seien, nicht unmöglich, so Tettenborn. «Wichtig ist, wie man danach reagiert. Wie geht man damit um? Findet eine Reflexion statt?»

Im Falle von Beckenried hätte möglicherweise viel früher reagiert werden können, sagt sie. «Stimmen die Vorwürfe, dann hat die Deeskalation nicht funktioniert.» Tettenborn nimmt darum auch das Umfeld in die Pflicht, die Schulleitung, die anderen Lehrer-Kollegen. «Weggucken gilt nicht. Wenn ich zum Beispiel höre, dass eine Lehrperson ständig negativ über Schüler herzieht, dann muss ich handeln.» Für die besagte Lehrerin in Beckenried gilt noch immer die Unschuldsvermutung.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 8. Juli 2020 16:49
aktualisiert: 10. Juli 2020 05:46