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Ist SECO-Entscheid der Todesstoss für den Fussball?

Philipp Breit, Sportchef, 8. Mai 2020, 06:15 Uhr
Ist SECO-Entscheid der Todesstoss für den Schweizer Fussball?
© Sämi Deubelbeiss
Ohne finanzielle Unterstützung geht es für den Schweizer Fussball nicht weiter. Nur mit Geisterspielen können die Super und Challenge League Clubs nicht überleben. Diese Aussagen konnte man zuletzt in einigen Schweizer Medien lesen. Clubpräsidenten meldeten sich von Genf bis nach St. Gallen, von Lugano bis nach Basel und schlugen Alarm. Womöglich vergebens.

Es mag ein dramatisches Bild sein, welches gezeichnet wurde. Wie akut gefährdet die Fussballvereine der Super und Challenge League effektiv sind, lässt sich aus der Ferne nur schwer beurteilen. Die Coronakrise hat den Fussball aber sicher schwer getroffen. Die wichtigste Einnahmequelle ist komplett weggebrochen: Die Matcheinnahmen! Und so bleibt es bis auf Weiteres auch. Denn sollte in der Schweiz wieder Fussball gespielt werden, dann nur mit Geisterspielen.

FCL-Präsident Philipp Studhalter äusserte sich in einem Interview mit PilatusToday bereits klar: «Geisterspiele und keine finanzielle Unterstützung? Dann soll die Saison abgebrochen werden». Es geht nicht nur um Millionen im Schweizer Fussball, es geht auch um ganz viele Arbeitsstellen. Alleine rund um den FC Luzern sind 164 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Ihre Zukunft steht auf dem Spiel. Es brennt! Nicht nur beim FC Luzern. Und in dieses Feuer giesst nun das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO noch zusätzlich Öl.

Was ist geschehen? Das SECO hat entschieden, dass Clubs keine Kurzarbeitsentschädigung mehr erhalten, wenn sie das Training wieder aufnehmen. Aber gerade die Kurzarbeit hat bislang die Klubs finanziell gerettet. Nun soll ab Montag 11. Mai wieder trainiert werden. Aber ohne Kurzarbeitsentschädigung und ohne Aussicht auf Matcheinnahmen? Wie soll das gehen?

Die Liga und die Clubs entscheiden erst am 29. Mai an einer ausserordentlichen Generalversammlung, wie es mit der Saison weitergehen soll. Bis dahin müssten die Clubs im Ungewissen trainieren. Aber im Wissen, dass es keine Kurzarbeitsentschädigung mehr gibt.

Ist das der Todesstoss vom SECO für den Fussball?

Vor dem Entscheid des SECO war eine Wiederaufnahme der Saison durchaus im Rahmen des Möglichen. Viele Clubs aus der Challenge League hätten sich bei einer Abstimmung wohl für eine Fortsetzung ausgesprochen, auch wenn es keine zusätzlichen Gelder geben würde. Denn für sie sind insbesondere die Einnahmen aus den TV-Geldern ein wichtiger Einnahmepunkt. Es sind weniger die Matcheinnahmen wie in der Super League. Doch der Entscheid des SECO dürfte einiges ändern. Denn bis dato wussten die Clubs nicht, dass es keine Kurzarbeitsentschädigung mehr gibt, wenn wieder trainiert wird. Und die finanziell eher klammen Challenge League Vereine (Lausanne mal ausgenommen) wären sicherlich auf solche Einnahmen angewiesen. Ob sie sich nun weiterhin für eine Fortsetzung der Saison aussprechen würden, ist offen.

Es ist sicherlich nicht die Aufgabe des SECO, den Schweizer Fussball zu retten. Da könnten auch das BASPO, die Liga oder der Bund einspringen. Aber wäre dies vertretbar? Denn nebst dem Fussball gibt es auch etliche andere Branchen in der Schweiz, welche aktuell an einem seidenen Faden hängen und in eine ungewisse Zukunft blicken. Warum also ausgerechnet den millionenschweren Fussball unterstützen? Gedanken, welche aktuell wohl in einigen Köpfen rumschwirren dürften.

Nun liegt der Schwarze Peter bei den Clubs

Seit Wochen gibt die Liga für mich ein desaströses Bild ab. Seit Wochen werden Entscheidungen rausgezögert, verschoben, vertagt oder gar nicht gefällt. Seit Wochen fehlt ein klarer Druck auf den Bund. Lobby in Bundesbern? Fehlanzeige! Selbst Adolf Ogi bemängelte zuletzt in einem Interview, dass die sportliche Lobby eigentlich inexistent sei. Die Liga weht wie ein Fähnlein im Wind zwischen der Politik und den Vereinen. Dass es auch anders gehen würde, zeigt aktuell die Deutsche Bundesliga. Am Mittwoch gibt die Politik grünes Licht für Geisterspiele, Stunden später folgt die Liga. Tags darauf einigen sich die Clubs und nur zwei Wochen später wird der Ball wieder rollen.

Und in der Schweiz? Hier kommt am 7. Mai die Meldung der SFL, dass man den Bundesratsentscheid am 27. Mai abwarten will, um dann am 29. Mai die Clubs entscheiden zu lassen, wie es weitergeht. Drei Wochen später! Drei Wochen, in welchen die Clubs ohne Kurzarbeitsentschädigung wieder trainieren müssten. 

Hinzu kommt: Selbst, wenn die Clubs am 29. Mai für eine Fortsetzung der Saison stimmen, vor dem 19./20. Juni wird nicht gespielt. Das wären dann schon mehr als sechs Wochen ohne Einnahmen und ohne finanzielle Unterstützung. Schwer vorstellbar, dass die Clubs sich tatsächlich für dieses Szenario aussprechen. Vieles deutet daraufhin, dass die Saison 19/20 abgebrochen wird. Das SECO war vielleicht mit seiner Entscheidung das Zünglein an der Waage.

Auch wenn es mein Fussballerherz schmerzen lässt: Ich würde einen Saisonabbruch begrüssen! Lieber jetzt alles auf Eis legen, tief durchatmen um dann irgendwann im Sommer in die neue Saison zu starten. Die Clubs hätten Zeit für die Vorbereitung. Die Liga hätte Zeit, ihren Saustall aufzuräumen.

Philipp Breit, Sportchef
Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 8. Mai 2020 06:11
aktualisiert: 8. Mai 2020 06:15