Wir haben's ausprobiert

Steinstossen – wenn 67 Kilo (fast) federleicht wirken

Tobias Hotz, 4. Juli 2022, 07:35 Uhr
An den Schwingfesten stehen sie häufig im Schatten der Schwinger – die Steinstösser. Es ist ein Sport, der neben viel Kraft auch Schnelligkeit und Fingerspitzengefühl erfordert. Eine Kombination, die eindrückliche Leistungen hervorbringt. Wir haben am ISAF genauer hingeschaut.
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Brütend heiss strahlt die Mittagssonne auf das Festgelände in Ennetbürgen. Rhythmisch klatschen die Zuschauer. Ein Schrank von einem Mann schlägt sich auf die Oberschenkel, dann kräftig auf die Brust und atmet danach gut hörbar aus. Er macht sich bereit für den Kampf. Es ist nicht der Kampf Mann gegen Mann, sondern Mann gegen Stein.

118 kg werfen 67 kg durch die Luft

Der Mann in diesem Kampf heisst Damian Schleiss. Im Teilnehmerfeld der Steistösser fällt er nicht durch seine Postur, aber durch seinen roten Bart auf. Der Stein in diesem Kampf ist 67 kg schwer. Schleiss putzt den Stein mit einem Tuch, bevor er ihn mit beiden Händen packt. Während es einem Teilnehmer nicht gelingt, den Stein über den eigenen Kopf zu stemmen, sieht der Kraftakt beim Engelberger schon fast kinderleicht aus. Wobei sich auch bei ihm die Gesichtsfarbe der Bartfarbe anpasst.

Damian Schleiss macht sich bereit für seinen Stoss.

© Tobias Hotz / PilatusToday

Liest man auf der Webseite des ISAF die Teilnahmebedingungen, klingt es wie bei einer Schiessbude an der Chilbi. Für zehn Franken gibt es zwei Versuche. Jeder kann mitmachen. Der Sport ist aber weit weg von einem Chilbi-Wettkampf. Auf jedes Detail kommt es an. «Beim Gewicht dieses Steines beträgt mein Anlauf 10,20 Meter», erklärt Damian Schleiss.

Auch Schnupfdosen dienen als Markierung für die perfekte Anlaufdistanz.

© Tobias Hotz / PilatusToday

Auch der Trainingsaufwand ist intensiv. «Wir trainieren vier Mal in der Woche. Im Sommer ausschliesslich mit dem Stein und im Winter im Kraftraum.» Verletzungen gäbe es selten. Dies obwohl einzig die Handgelenke mit Bändern und der Rücken mit einem Gurt gestützt werden. «Ich weiss nicht, was die SUVA zu unserem Sport sagt. Habe aber auch noch nie gefragt», sagt Damian Schleiss lachend. Am Sport reize ihn der Wettkampf mit den Gegnern und der Kampf gegen den Stein.

Kraft ist nicht alles

«Es ist ein Sport für jedermann. Man kann auch mit einem schmäleren Körperbau gute Resultate erzielen.» Neben viel Kraft, um den Stein in die Luft zu kriegen, brauche es auch Schnelligkeit und eine gute Rumpfstabilität. «Der Stein muss gut in den Händen liegen und mit viel Kraft aus den Beinen gestossen werden.»

Wir haben ausprobiert, ob Steinstossen für jederfrau ist:

Quelle: PilatusToday / David Migliazza

Sein weitester Stoss ging am Sonntag 3,60 Meter. Für den Sieg (4,32 Meter) reicht diese Weite nicht. «Zehn Zentimeter mehr wären sicher möglich gewesen. 100 Prozent zufrieden ist man sowieso nie.»

In der laufenden Saison konnte er jedoch schon einige persönliche Höhepunkte erleben: «Der Sieg am Heimfest am Hallenschwingen in Engelberg und die Qualifikation fürs Eidgenössische.» Dann, wenn der Stein nochmals 15 Kilo schwerer ist und anstelle von 50 Zuschauern 50'000 rhythmisch für die fünf besten Steinstösser klatschen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 3. Juli 2022 17:53
aktualisiert: 4. Juli 2022 07:35